Viet Vo Dao ist der international gebräuchliche Oberbegriff für alle vietnamesischen Kampfkünste,
deren Entwicklung untrennbar mit der Geschichte des Landes Viet Nam und seiner Völker verknüpft ist.
Sowohl dem Volk der Kinh (Vietnamesen im engeren, ethnischen Sinn)
als auch der Geschichte seiner Kampfkünste wird eine weit über 4000jährige Tradition zugeschrieben,
was jedoch ebenso wie bei den entsprechenden Mythen der Han (Chinesen im engeren Sinne) ein
weitgehend fiktives "Geburtsdatum" darstellt, das eher auf Konvention und traditioneller Anschauung
beruht als auf "historischen Fakten" (im westlichen Sinne).
Die Frühzeit Viet Nams ist nur äußerst unzureichend bekannt:
Natürlich gibt es schon aus der Steinzeit und später aus der Bronzezeit eine ganze Reihe von
Waffenfunden, von denen einige offenbar nicht für das Jagen, sondern für kriegerische sowie rituelle
Zwecke hergestellt wurden. Erst mit der Entwicklung des Nassreisanbaus (samt Bewässerung) und der
offenbar stark erhöhten Produktivität in der Landwirtschaft kommt es zu einer höheren
Besiedlungsdichte mit größeren Ansiedlungen. Eine Zuordnung zu einem heutigen Volk ist aber nicht
sicher möglich.
Die Geschichte der Kinh beginnt mit folgender Legende (und auch die nahverwandten Muong haben eine ähnliche Schöpfungsgeschichte): In den Bergen wird Loc Thuc als ältester Sohn aus der Ehe zwischen einer Waldfee und einem Nachfahren von Thanh Nong, des Gottes für Reisanbau, geboren. Er heiratet Than Long, die Tochter des die Meere beherrschenden Drachens. Ihr Sohn Lac Long Quan wird König und bringt dem Land ein goldenes Zeitalter des Glücks, des Friedens und des Reichtums. Dessen Frau, die Berggöttin Au Co, legt Eier aus denen einhundert Söhne werden; von diesen gehen fünfzig mit ihrer Mutter in die Berge und gründen dort das erste vietnamesische Königreich Van Lang. Der erste Sohn wird König und nennt sich Hung Vuong. Dieser König wird als Begründer der Dynastie der Hong Bang (bis 258 v.Chr.) angesehen, deren Gründungsdatum ungewiß ist: Erst in dem 1479 (unserer Zeit) veröffentlichten Buch Dai Viet Su Ky Toan Thuwird erstmals das legendäre Datum 2879 v. u. Z. genannt, das zumindest mit den überlieferten 18 Generationen der Dynastie nicht so recht zusammenpassen will! Erstmals wird diese Dynastie im Viet Su Luoc (1377 u. Z.) erwähnt, in dem mit 696 - 682 v. u. Z. ein schon glaubwürdigerer Gründungszeitraum angegeben wird. Hung Vuongwird ebenfalls zugeschrieben, Kultur, traditionelle Medizin, asiatische Philosophie und Kampftechniken unter dem Namen Vo zusammengefasst zu haben, weshalb er auch als legendärer Begründer des Viet Vo Dao verehrt wird.
Noch vor der Zeitenwende dehnt sich der Einflussbereich des Han-Reiches stark
nach Süden aus, so daß die dortigen, vor allem von Viet-, Thai- und Meo-Völkern bewohnten Gebiete
eine Rolle in der chinesischen Geschichtsschreibung zu spielen beginnen, aus der die ersten
schriftlich überlieferten Berichte stammen. So auch über die von den Kinh besiedelten Gebiete
(im Tiefland des heutigen nördlichen Viet Nam): Das Königreich Van Lang wurde durch An Duong Vuong
(König des benachbarten Au Viet) erobert und in Au Lac umbenannt (257 - 208 v.Chr.).
Die Hauptstadt Co Loa lag nahe bei der heutigen Hauptstadt Ha Noi. 218 vor unserer Zeit marschiert
eine Armee der chinesischen Qin-Dynastie ein und wird schließlich im ersten, 10 Jahre dauernden
Freiheitskampf besiegt. Doch kurze Zeit später wird Au Lac der benachbarten südchinesischen Provinz
Nan Yueh einverleibt. Ihr Herrscher nannte seinen gesamten Machtbereich Nam Viet, das Land der Viet
(Menschen im Land der Viet-Vögel) im Süden. Diese Dynastie der Trieu (207 - 111 v.Chr.) machte
sich von China unabhängig und bewahrte die lokale Tradition und Kultur.
Erst 111 v.Chr. wurde das Land durch Truppen der chinesischen Dynastie der östlichen Hanerobert und das gesamte Gebiet als Protektorat Giao Chi verwaltet (bis 930 n.Chr.). Es gab einen intensiven kulturellen Austausch, aber auch zahllose Widerstandsbewegungen und einige erfolgreiche Aufstände führten zu Interimsregierungen: 40 - 43 durch die beiden Schwestern Trung, 248 durch Trieu Thi Trinh Nuong, 544 - 604 durch die frühe Ly-Dynastie, 722 durch Mai Thuc Loan (Hac De) und seinen Sohn, 766 - 802 durch Phung Hung & Phung An, 905 - 930 durch Khuc Thua Du, seinen Sohn und seinen Enkel sowie (nach erneuten chinesischen Vorstößen) 931 - 938 durch Duong Dien Nghe.
Die Kampfkunst war noch immer eng mit der Kriegsführung verbunden und in dieser Zeit entstanden viele traditionelle Techniken und Strategien:
- Theorie der Überlegenheit körpernaher Techniken - Di doan thang truong;
- Theorie des Nachgebens gegen Kraft - Di nhu thang cuòng;
- Theorie des Überraschungsprinzips - ;
- Theorie des Geheimnis der Täuschungen - ;
- Theorie des Ausweichens ohne Widerstand - Phan tan biên pháp.
In der Schlacht am Fluß Bach Dang (nahe dem heutigen Hai Phong) versenkte Ngo Quyen die chinesische Expeditionsflotte und legte damit den Grundstein für eine Folge von vietnamesischen Dynastien (ab 939). Erstmals wurde der Einflußbereich des Königreichs Dai Co Viet und später Dai Viet, südlich nach Trung Bo, das heutige mittlere Viet Nam ausgedehnt.
Während dieser Epoche wurde das Training im familiären Kreis nach sehr strengen Regeln durchgeführt. In drei Perioden des Wachstums und der Verbreitung verlor das Vo seinen bislang geheimen Charakter und wurde breiteren Bevölkerungskreisen zugänglich:
- während der Dynastien der Ly (1010 - 1225) und der Tran (Übernahme ab 1211; 1225 - 1394)
- und noch einmal während der kurzen Herrschaft von König Quang Trung (1788 - 1792).
Während dieser beiden Perioden bekam die Kampfkunst sowie die vietnamesische Literatur eine wichtige Bedeutung im nationalen Bildungswesen. Sie werden daher als goldenes Zeitalter des Vo angesehen, in dem es auch eine königliche Akademie für Kampfkünste gab (Giang Vo Duong). Noch während der Tran-Dynastie kam es zu wiederholten Einmärschen der Mongolen unter Kublai Khan (1257 - 1288), die nach ihrem Sieg über China vor allem an dem südlichen, weitaus reicheren Nachbarn von Dai Viet, dem Königreich Champa, interessiert waren. Dem Feldherrn Tran Hung Dao gelang es jedoch jedesmal, die angreifenden Armeen ins Leere laufen zu lassen und mit Partisanenkämpfen den Nachschub zu unterbrechen, so daß sich die Mongolen wieder zurückziehen mußten.
Zwischen 1406 und 1427 wurde das Land nochmals durch die erstarkten Chinesen (Ming-Dynastie) okkupiert und die Besatzer versuchten äußerst brutal dem Volk seine kulturelle und ethnische Identität zu nehmen. Nach kleineren, erfolglosen Aufständen wurde das Land ab 1417 nach und nach durch die Lam Son Widerstandsbewegung unter Le Loi befreit, der als König Le Thai To die späte Le-Dynastie (1428 - 1789) begründete. 1471 wurde das Königreich Champa endgültig erobert und Dai Viet einverleibt. Damit sind neben China im Norden nur noch die Thai/Lao im Westen sowie die Khmer im Süden Völker, die einen regionalen Machtfaktor darstellen.
Nach der Machtübernahme durch die Mac-Familie (1527 - 1677) und dem Wiedereinsetzen der Le-Dynastie, zunächst im Süden (1533) und später auch im größten Teil des Nordens (1592) begann eine lange Phase von inneren Machtkämpfen. Die eigentliche Macht lag bei der Nguyen-Familie im Süden und der Trinh-Familie im Norden, aber es gelang keinem von beiden die absolute Herrschaft zu erlangen. Diese Auseinandersetzungen förderten auch die Herausbildung von unterschiedlichen regionalen Stilrichtungen des Vo:
- das Vo Bac Ninh im Norden (Bac Bo),
- Vo Quang Binh und Vo Binh Dinh in der Mitte (Trung Bo)
- und das Vo Lam im inzwischen besetzten Süden samt urbar gemachten Mekong-Delta (Nam Bo), das starke Einflüsse durch Exilchinesen (vor allem aus Zentral- und Nordostchina) erhielt, die bereits seit der Eroberung Chinas durch die Mongolen in Cholon (nahe Sai Gon, heute ein Stadteil) und weiteren Handelszentren siedelten.
Aufgrund von sozialen Problemen im Norden und später auch im Süden kommt es zum Tay-Son-Aufstand (1771 - 1788) unter Führung der Brüder Nguyen (Vo Binh Dinh). Während Nguyen Nhac im Süden und Nguyen Lu in der Mitte herrschen, zieht der glänzende Militärstratege Nguyen Hue nach Norden gegen eine von den bedrängten Herrschern zu Hilfe gerufene chinesische "Befreiungsarmee". Dort krönt er sich als König Quang Trung (1788 - 1792). Damit beginnt die zweite, kurze goldene Periode des Vo.
Bereits seit 1788 faßte der durch die Tay Son vernichtend geschlagene Nguyen Anh im Süden erneut Fuß und erreichte 1802 mit französischer Unterstützung Ha Noi, so daß erstmals das gesamte Gebiet des heutigen Viet Nam vereint ist. Jedoch wurde er die gerufenen Geister nicht wieder los, und ab 1858 setzte Frankreich immer weitergehende Ansprüche auf vietnamesisches Gebiet durch, so daß Viet Nam 1887 - 1945 vollständig als französische Kolonie zu Indochina gehörte; der letzte Kaiser der Nguyen-Dynastie dankte 1945 ab. Die Ausübung des Vo war unter den Franzosen sowie seit 1883 im ganzen Land verboten und fand deshalb ausschließlich im Geheimen statt. Dies förderte wiederum die Ausbildung von vielen einzelnen Stilen.
Erst durch die Gründung der Vovinam-Schule 1938 durch Nguyen Loc wurde das Vo ab 1950 wieder breiten Bevölkerungskreisen zugänglich und weitere Schulen gingen ebenfalls in die Öffentlichkeit; insbesondere im Süden, wo Anfang der 60er Jahre eine Dachorganisation der verschiedenen Stilrichtungen zur Verbreitung des Vo gegründet wurde (Tong Hoi Vo Hoc Viet Nam).
Während vorher nur wenige Vietnamesen ins Ausland (vor allem nach Frankreich) übersiedelten, mußten im Laufe der japanischen Besatzung, während des 2. Indochinakrieges (1964 - 1975) und bis 1982 (als 'boat people') viele Vo Sinh das Land verlassen und geben ihre Kunst nun auf der ganzen Welt weiter. Seit 1975 waren die Ausübung des Vo im ganzen Land verboten und Meister inhaftiert, da das traditionelle Vo als reaktionär galt. Erst seit 1988 kann der Nationalschatz des traditionellen Vo wieder offen in Viet Nam praktiziert werden.
Eine Übersicht über die Vielfalt der vietnamesischen Kampfkünste zu geben, wird neben ihrer Vielzahl durch mehrere Umstände stark erschwert: Wie überall in Asien ist die Lehrer-Schüler-Verbindung etwas sehr persönliches und blieb daher ebenso wie die im engen Familienkreis gehüteten Kampfkünste meistens der klassischen Geschichtsschreibung verborgen; zudem wurde das Lesen und Schreiben erst mit Einführung der Umschrift mit lateinischen Buchstaben (chu quoc ngu) und ihrer staatlichen Anerkennung als offizielle Schrift 1919 größeren Bevölkerungskreisen zugänglich - zudem scheinen viele Lehrer dem geschriebenen Wort keine große Bedeutung beigemessen zu haben (zumindest nicht der Publicity, nicht zuletzt wohl auch wegen der instabilen politischen Verhältnisse...). Die für Viet Nam besonders charakteristische dezentrale Organisation ist ein Faktor, der sowohl für den ungebrochenen Widerstandswillen als auch für die Entwicklung der Kampfkünste nicht zu unterschätzen ist: In den goldenen Perioden des Vo wurde in jedes Dorf ein Absolvent der Giang Vo Duong gesandt, der für die die Dorfverteidigung und Ausbildung der Dorfbevölkerung verantwortlich war. So war einerseits eine hohe Qualität und Kenntnis verschiedenster Kampfmethoden als auch andererseits ein starker lokaler Bezug gegeben; in Zeiten schwacher Regenten und anderen Krisenzeiten waren die Dörfer selbstständige Einheiten, in denen diese überlebenswichtigen Traditionen weitergepflegt wurden. So ist es nicht verwunderlich, daß vor allem die großen militärischen Ereignisse der vietnamesischen Geschichte bekannt sind, aber wenig über die vielen Tausende von hervorragenden Kämpfern und ihren jeweiligen Kampfstilen.
Genauso wichtig wie die Kampfkünste der Kinh, sind diejenigen der ethnischen Minderheiten in Viet Nam: Wie oben bereits erwähnt, gibt es eine einflußreiche chinesische Minderheit, die durch mehrere Einwanderungswellen nach Viet Nam gelangte und natürlich auch ihre Kampfkünste mitbrachte. Meistens wurden solche Familienstile nur an wenige ausgewählte Schüler weitergegeben; diese Schüler waren "selbstverständlich" ebenfalls Han, bzw. andere aus Südchina eingewanderte Volksgruppen. Genauso gaben die Kinh-Meister ihre Kunst an Schüler ihrer Ethnie weiter. Sicher haben sich im Laufe der Zeit aber auch Kontakte und ein gewisser Austausch (und sei es im Kampf) ergeben. In seltenen Fällen ist auch eine "Cross-Ausbildung" bekannt geworden, da es sicher immer wieder unorthodoxe Lehrer gegeben hat, denen das Potential und die moralische Integrität eines potentiellen Schülers wichtiger als seine Herkunft war!

